Vom Winter in den Frühling – wenn Eis dahinschmilzt
Der Film Eismayer entfaltet über viele Umwege das Drama einer homosexuellen Liebe und schärft unseren Blick für Vielfalt an einem Ort, an dem die Augen in der Regel nur in eine Richtung schauen dürfen.
(Coverbild: © Salzgeber / Eismayer (2022), Regie: David Wagner. Quelle: Salzgeber – Eismayer)
Kaum eine Institution wahrt wohl einen antiquierteren Schein als das österreichische Bundesheer. Mit der von Deutschland geerbten Friedensdividende in großen Teilen zusammengespart, ist jeder Grundwehrdiener ein Zeuge heruntergekommener Kasernen, verjährter Ausrüstung und alter Vorstellungen – kurzum: ein Zeitzeuge des Unzeitgemäßen. Zu diesen alten Vorstellungen gehört auch jenes über die Geschlechter. Schließlich ist auch der Grundwehrdienst bis heute reine Männersache. Der Drill, die tyrannische Hierarchie und der konservative Sinn für Zucht und Ordnung sind in der Tradition der Kriegs- und Antikriegsfilme ein bekannter Topos. Der Filmregisseur David Wagner versteht es in seinem Debütwerk, dieses Pferd nicht nur einmal von hinten aufzuzäumen.
Der Rang des Vizeleutnants übersteigert den konservierenden Charakter des Bundesheeres bis aufs Äußerste. Als höchster Unteroffizier ist er innerhalb seiner Kaserne erfahren und geachtet. Dennoch bleibt ihm immer mindestens ein häufig jüngerer Offizier vorgesetzt. Auch im Film bekleidet der Protagonist und Ausbildner Charles Eismayer den Rang eines Vizeleutnants, mit einem jüngeren Hauptmann als Vorgesetzten. Die Spannung seines Charakters läuft von seinem Drill bis zu seiner verheimlichten Homosexualität wie ein roter Faden durch den Film. Erst der junge Mario Falak, der sowohl seine ethnische Herkunft als auch seine sexuelle Orientierung offen auslebt, treibt den gefürchteten ‚Schleifer‘ über seine Grenzen. Die Asymmetrie zwischen der lockeren Offenheit einerseits und des angespannten Geheimnisses andererseits bildet den narrativen Rahmen einer Liebesgeschichte der etwas anderen Art.

Die beiden Hauptdarsteller Gerhard Liebmann und Luka Dimić verstehen es nicht nur, dieses que(e)re Verhältnis über den ganzen Film hinweg lebendig zu inszenieren, sondern auch die gegensätzlichen Pole immer wieder neu zu setzen. Durch die schauspielerische Leistung Liebmanns bekommt man den unnahbaren Vizeleutnant in all seinen Facetten zu spüren. Sein Eismayer schreit und poltert, schweigt und leidet. Selbst wenn er vor militärischer Eitelkeit prahlt oder vor emotionaler Unsicherheit verstummt, macht sich nie der Eindruck breit, dass Liebmann trotz der zuweilen überspitzten Handlung den Bogen überspannt. Auch der innere Konflikt rund um das ‚Outing‘ bleibt durch den schroffen Militäralltag hindurch bis zum Ende angespannt. Seine soziale Hürde wird in der Charakterstudie sogar pathologisch reflektiert. So äußert sich der andeutende Lungenkrebs des Kettenrauchers Eismayer erst, als er sich seiner Ehefrau gegenüber Luft verschafft, um ihr seine Homosexualität zu gestehen.
Im zweiten Teil läuft das Tempo des Filmes der Darstellung allerdings ein wenig davon. Vor allem die Beschleunigung des Szenenschnitts treibt die Handlung zu ihrer Auflösung, wobei die seelische und körperliche Entwicklung des kühlen Eismayers nicht immer Schritt halten kann. Während zwei Menschen erst zaghaft zueinander finden, drängt die Erzählung schließlich auf die Öffnung des Eismayers. Auch wenn sich der Regisseur womöglich dem Happy-End der wahren Begebenheiten seines Drehbuchs verpflichtet fühlt, wird die filmische Narration der hervorragenden Charakterstudie Liebmanns damit nicht ganz gerecht. In den Hintergrund tritt außerdem der gesellschaftliche Rahmen der Geschichte, was allerdings auch dem Fokus auf die Protagonisten geschuldet ist. Der Film bleibt mit seiner wahren Grundlage gerade wegen seiner schauspielerischen Geniestreiche dennoch eine bemerkenswerte Inszenierung. Dem Bundesheer verpasst es allerdings keinen neuen Anstrich. Vielmehr zeigt es ein weiteres Mal, dass die Fassade nicht nur in den Kasernen zu bröckeln beginnt.
