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„Bösartig!“ Dieses Wort kommt Thomas Hentschke oft über die Lippen. Der Stahl, das Weltgeschehen, das Coronavirus. Alles bösartig. Seine müden Augen begutachten das Arbeitsmaterial. Es ist besonders hochlegierter Stahl, ausgeschnitten aus den Kanonenrohren alter Panzerhaubitzen – ähnlich zu denen, die Deutschland in die Ukraine geschickt hat. Beim Erzählen wirkt der grazile Schmiedemeister mit seinen saloppen Handbewegungen nicht gerade wie ein Handwerkskünstler, der die feinsten Damastklingen ausschmieden kann, doch sobald er zu einem Arbeitsschritt ansetzt, schreitet er mit der Präzision eines Uhrmachers voran. Zwei Tage dauert ein Einzelkurs bei Hentschke in der Regel, um einen Metallklotz in ein Damaszenerstahlklinge zu verwandeln. Je fremder einem das Handwerk anmutet, desto länger können diese zwei Tage dauern – wirklich vertraut erscheint es einem erst im Rückblick.

Damaszenerschmieden ist eine alte Kunst, seine Herkunft ist nicht zweifelsfrei feststellbar. Heute gilt sie vorwiegend ob ihrer markanten Optik als populär. Doch hinter Technik des Verbindens und Faltens zweier Stähle verbirgt sich auch ein funktioneller Gedanke. Der Kohlenstoff bestimmt je nach seinem Gehalt die Eigenschaft des Stahls. Ein höheres Maß sorgt für Härte, ist zugleich aber spröde – ein geringeres Maß sorgt für Flexibilität, ist zugleich aber weich. Ein nachhaltiges Schneideinstrument soll die beiden Merkmale nicht vereinen, sondern entlang einer Schichtung vermitteln: Ein Messer, dessen Schneide lange scharf bleibt und nicht bricht. Durch ein Säurebad kommen beide Stähle am Ende zum Vorschein und prägen das bekannte Relief der Schneide.

Hentschkes Hof liegt am Rande von Wienhausen, mitten im Aller-Urstromtal zwischen Wiesen und Feldern. Eine qualmende Esse kann sich keine dicht besiedelte Nachbarschaft erlauben. Der Anblick der Landschaft erfüllt all jene idyllischen Erwartungen, die jede Landreportage an die Provinz stellt, um sie mit der Lebenswelt der Stadt zu kontrastieren. Die Stadt-Land Differenz prägt sich schließlich immer stärker aus, ob politisch, kulturell oder sozioökonomisch. Wie zwei Stahlarten liegen sie quer über der Landkarte vielfach umschlungen und bilden doch zwei Schichten, die sich ob ihrer verschiedenen Eigenschaften einfach nicht miteinander verbinden. Im Gegenteil. Jede Thematisierung wirkt wie ein Hammerschlag, der den Konflikt unter Hitze und Kraft weiter verschärft.

Die Schmiede ist klein und voll. Voll von verschiedensten Dingen, die trotz der Unordnung doch alle am richtigen Ort erscheinen. Beinahe jede Maschine und jedes Werkzeug stammt aus dem letzten Jahrhundert, manche aus dem letzten Jahrtausend. „Wenn morgen irgendwo in Europa eine Atombombe zündet, geht überall das Licht aus. Die nuklearen Wellen zerstören jede Elektromagnetik. Mein Betrieb läuft weiter.“ Je moderner das Gerät, desto weniger kann Thomas Hentschke etwas damit anfangen. Sogar die Esse entzündet er mit dem Funken eines Feuersteins. „Was einmal glüht, glüht weiter. Wenn man den Zunder irgendwo hinwirft…das hat im Mittelalter schon einmal eine ganze Stadt in Schutt und Asche gelegt.“ Ein Blick auf den Hof offenbart: Egal ob das alte Auto, der Kamm auf dem Feld, die Zange im Regal oder die Fräsmaschine ganz hinten in der dunklen Ecke, nichts wird nicht restauriert. Alles läuft weiter, unabhängig der Umstände. Seine Schmiede ist Arbeitsstätte und Museum zugleich. Überall finden sich antiquerte Werkzeuge – mit der Pointe, dass alles noch irgendwie funktioniert.

Die Gemeinde Wienhausen schmückt ein altes Zisterzienserinnenkloster mit romanischen und gotischen Elementen. Das Gebäude im Stil der Backsteingotik schmücken unzählig viele Ornamente innerhalb seiner Wände und Gänge, ganz im Geiste der Bibel. Repräsentierte Geschichten über repräsentierende Geschichten liegen wie die vielen Backsteinziegel abgelagert übereinander. Genau wie bei der kleinen Schmiede klettert der Klee auch die Fassaden der hohen Wände hinauf und bedeckt die Geschichtssedimente. Erst im Durchwandern des Gebäudes erhält der Bezug auf sie eine sinnstiftende Funktion. Die Bilder sprechen nicht und sie erzählen nichts, sondern im Sprechen und im Erzählen entfalten sie eine Wirkung, vielleicht auch nur, solange man darüber spricht. Das Zitieren, das Beziehen als eine Art, Altes mit Neuem zu vermitteln und sich dabei zugleich als Mensch in diesem Anblick miteinzufügen kann als eine fundamentale Erfahrung unseres Weltbezugs gelten: Das Kloster selbst bildet eine Geschichte. Es verbindet die Geschichte mit seiner Umgebung. Seine Umgebung eröffnet ihre Landschaft. In dieser Landschaft spielt auch die Geschichte von Thomas Hentschke.

Vieles an ihm wirkt ungewöhnlich. Der Lebenslauf, die Lebensumstände, das Handwerk. Er ist selbstbewusst, aber nicht eitel. Er erzählt gerne, ohne dabei ausführlich zu sein. Seine Erscheinung wirkt ruhig und in sich gekehrt – doch beinahe ungläubig sprüht die Kraft aus ihm heraus, die den 65-Jährigen den Hammer kräftig auf den glühenden Stahl schlagen lässt, ohne auch nur ein einziges Mal zu verfehlen. Schmieden ist eine ortsabhängige Tätigkeit. Trotzdem ist er viel unterwegs, meistens auf Mittelaltermärkten. Dort präsentiert Hentschke nicht nur seine Damaszenerklingen, sondern repräsentiert auch das allgemeine Handwerk in seinem traditionellen Bestehen. Oft bereitet ihm ein ernsthaftes Gespräch mehr Freude als der Verkauf eines Gegenstandes. Die Pandemie hat ihn daher in doppelter Art getroffen. Neben dem vielfältigen Austausch hat sie ihn insgesamt 20000 Euro gekostet. Finanzielle Hilfe hat er keine beantragt. „Das sollen diejenigen tun, die es wirklich brauchen.“ 80 Stunden pro Woche hat er seit dem ersten Corona-Dezember gearbeitet. 3 Jahre lang ohne Urlaub. „Wenn ich morgens einmal ohne Schmerzen aufwache, bin ich tot.“ Es ist kein Selbstmitleid, kein Fatalismus, sondern schlicht ein Ausdruck seines Weltbezugs, während er seine abgequalmte Zigarette ins Feuer wirft.

Vom kleinen Kind über den Gymnasiallehrer bis zum Hochschulprofessor hat er in Wienhausen jedem einen Einblick in seine Schmiedekunst gewährt. Nicht jeder Besucher hat es ihm dabei leicht gemacht. „Am schlimmsten sind diejenigen, die glauben, man müsse ihnen nichts mehr beibringen.“ Je genauer man Thomas Hentschke zuhört, desto mehr erhält man den Eindruck, dass die Menschen seiner Ansicht nach ihr Gefühl für die Wahrhaftigkeit der Dinge verloren haben. Es ist seine Ansicht der Dinge, die dieses Urteil bestimmen. Außerhalb von Wienhausen betrachtet muss es wie eine Abgrenzung wirken, die in der Differenz nur Andersheit entdecken kann. Aber anders als in der vermittelnden Geschichte über Thomas Hentschke tritt sein Weltbezug in der Schmiede unmittelbar hervor. Sein Handwerk verlangt den Einsatz des ganzen Körpers. Mit jeder Stunde, jedem Handgriff und mit jedem Schlag, die man selbst Stunden danach in den Knochen zu spüren bekommt, versteht man allmählich, dass sich Schmieden nicht im Produkt, sondern in der Produktion: in der wiederholten Ausführung einer Kunst äußert. Hentschke schmiedet nach alter Schule, indem er die Form der Klinge aus dem Rohling nicht ausschneidet, sondern mit viel Muße ausschmiedet. Verlässt man den Schmied, bleibt der eigentliche Reichtum zurück. Mit dem Messer reist nur eine Erinnerung mit. Aus ihr wird eine Geschichte – Es ist spät geworden. Der Stahl hat seine endgültige Form angenommen. Um diese zu behalten, muss er durch einen Prozess der Erhitzung und anschließenden Abkühlung aushärten, danach ruhen. Glühende Farben und blendende Wärme verblassen zeitlupenartig. Die Körnung des Stahls richtet sich neu aus, sie wird robust. Die Form verändert sich von nun an nicht mehr – sie ist jetzt gegeben. Die Produktion hat sich in das Produkt hinein verschoben. Doch in der Geschichte kann der Weg dorthin wieder aufscheinen, nicht als die Ursprungserzählung, sondern als eine immer neu unternommene Bezugnahme. Der Bezug auf eine Erinnerung, auf ein Erlebnis, auf eine Geschichte verläuft quer durch das Relief der verschiedenen Schichten, Umgebungen, Schicksale und Menschen. Ein Weltbezug, den man – gewiss auf mannigfaltigster Art mit unterschiedlichsten Techniken – gemeinsam teilen und dadurch mit-teilen kann. Die Schichten zwischen Stadt und Land wären damit nicht mehr nur etwas Gegebenes, sie würden sich nicht auf die Andersheit der Abziehbilder, der Stereotype oder der Menschen reduzieren, sondern auch etwas Gemeinschaftliches in den Geschichten über unsere Welt vermitteln. Und das kann in einer verrauchten Schmiede einen Sinn für sich erblicken.

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