Skip to main content

‚Die letzten Tage‘ schockiert mit der Realität einer Willkürherrschaft, die weder um ihren Anfang noch um ihr Ende wusste. Der Roman von Martin Prinz lehrt außerdem, warum die Unterscheidung zwischen vermeintlichen Illusionen und begangenen Taten nicht weniger zeitlose Beachtung verdient.

Reichenau an der Rax gilt seit Habsburger Zeiten als prominenter Luftkurort mit kurzer Distanz zu Wien. In den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges wirft das Raxgebirge jedoch einen Schatten auf die Orte Reichenau, Edlach, Prein und Schwarzau, der bis in die Gegenwart seiner Aufdeckung harrt. Kurz vor der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht verwandeln sich die kühlen Täler inmitten der kargen Felswände für einige Menschen in wahre Naturgefängnisse. „Alles wiederholt sich in derselben Eintönigkeit in unserer kleinen Zelle.“ Im Frühjahr 1945 verkommt diese provinzielle Eintönigkeit zu einer sittlichen Folterkammer, in der aus Nachbarn und Bekannten Mörder und Feinde werden.

Kalte-Rinne-Viadukt. An dieser Stelle fror die Rote Armee am 1. April die Front ein, um ihren Vormarsch nach Wien vorzubereiten.

2023 sah sich Martin Prinz in einem Archiv mit einem Amalgam aus Zeugenaussagen und Volksgerichtsakten, Opfer- und Täterberichten sowie Prozess- und Gedächtnisprotokollen konfrontiert. In dieser Tonart ist auch sein „Roman“ verfasst. Wirklich romanesk könnte man daher nur die Leseerfahrung im Sammeln und Durchstöbern von Dokumenten beschreiben. Der Text springt in seiner Darstellung der Endphaseverbrechen nicht nur zwischen den Ereignissen, sondern auch unter den Perspektiven der verschiedenen Akteure wild hin und her. Diese Konzeption wirkt anfangs eher schwerfällig. Auch die penible Orientierung am Quellenmaterial erschwert gelegentlich den Lesefluss. Die kontrastierte Szenerie der willkürlich aufgesetzten Standgerichte der Nationalsozialisten einerseits und der aufarbeitenden Volksgerichte in der unmittelbaren Nachkriegszeit andererseits bildet den einzigen roten Faden des Buches. Absatz für Absatz vermittelt der Wechsel der verschiedenen Handlungsstränge gerade genug eines Eindruckes, um den Leser durch diese letzten Tage unter dem Raxgebirge zu leiten und trotzdem keinen Sinn und keine Rechtfertigung für die Morde an Zivilisten, an Österreichern zu finden.

Das Dilemma der Angst vor dem Ungewissen, für das die Anwesenheit der Nazis im Tal und die Russen außerhalb des Tals lediglich den geographischen Rahmen bieten, zieht dabei regelrechte Furchen durch die Darstellung. „Du hast es gewusst, du hast nichts gewusst, und du hast dich gefürchtet vor beidem, weil es am Ende ein und dasselbe war. Oder schon davor.“ Selbst die Morde wahren diesen Schein des Ungefähren. Die Opfer der nationalsozialistischen Willkür wissen bis zuletzt nicht, weswegen man sie überhaupt verhaftet hat. Auch einige Mittäter werden nicht genau in Kenntnis gesetzt. Nur das tatsächliche Morden geschieht dann viel zu schnell. Ob an einer lichten Höhe oder in einem dunklen Keller; nie begreift man wirklich, wie bewusst die Täter sich ihrer Sache tatsächlich waren. Weder vertuschte man die Morde, noch entblößte man jede Leiche an Ort und Stelle. In seinen Quellen fallen Prinz die Bestimmtheit der Zeugenaussagen und die Vagheit der Täterprotokolle auseinander, um noch die Schuldfrage am Ende zu einem Dilemma werden zu lassen.

Maria Karasek, Maria Reifböck, Dr. Josef Thaller und Maria Czuba wurden auf der Kletschkahöhe bei Schloss Wartholz von jungen Volkssturmleuten erschossen, Franz Karasek konnte trotz zugefügter Verwundung fliehen.

Schließlich endet das Buch, wie es begonnen hat. Mit dem Kapitel Null an Anfang und Ende führt Prinz die Vorstellungen der Stunde Null nach dem Nationalsozialismus ad absurdum. Die Parallelität der Volks- und Standgerichte sowie die verworrenen Wege vieler Quellen und Erinnerungen bilden zusammen vielleicht den einzigen Nullpunkt in der Aufarbeitung des Nationalsozialismus – als fortwährende Pflege seiner Erinnerung. Prinz Werk besticht weniger ob seiner stilistischen Brillanz als mit dieser Herausforderung für seine Leserinnen und Leser.

Cover. © Martin Prinz, Die letzten Tage. Jung und Jung Verlag, Salzburg, 2025.

Beitrag drucken

Hinterlasse einen Kommentar